Die Deutschen strampeln sich ab – werden aber nicht produktiver!

Nun mag man sagen, Deutschland geht es doch gut. Für 2018 wird ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent erwartet. Die deutschen Firmen konnten zuletzt so viele Waren ins Ausland verkaufen wie nie. Auch die Zahl der Beschäftigten ist auf einem Rekordhoch. Doch, all das reicht langfristig nicht, um den Lebensstandard zu halten. Um zu kompensieren, dass künftig weniger Arbeitnehmer für mehr Rentner aufkommen müssen. Wie andere Industriestaaten auch verzeichnet Deutschland einen Rückgang des Produktivitätswachstums trotz eines anhaltenden Wirtschaftswachstums – eine Beobachtung, die angesichts der weitreichenden Digitalisierung der Wirtschaft erstaunt. Ökonomen rätseln über den Grund für diese Stagnation bzw. es ist auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar, wie die angebliche Innovationswelle und die Flaute der Produktivitätsstatistik zusammenpassen.

Ausgerechnet Deutschlands Vorzeigebranchen drohen im internationalen Wettbewerb zurückzufallen. Die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie sind heute praktisch genauso produktiv wie noch vor fünf Jahren – trotz neuer technologischer Möglichkeiten, die eigentlich die Produktivität erhöht haben sollten. Aber warum investieren deutsche Unternehmen nur in geringem Maße in fortschrittliche Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT)?

Zum einen liegt das natürlich an der starken Regulierung der deutschen Güter- und Arbeitsmärkte. Aber vor allem können eine große Anzahl an kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) neue digitale Technologien potenziell weniger effektiv einsetzen als Großunternehmen. Der produktivitätsstimulierende Effekt der Digitalisierung bleibt somit weitgehend aus. Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) spricht hier sogar von einer „digitalen Spaltung“.

Des Weiteren führt eine zurückhaltende Investitionsbereitschaft bei gleichzeitigen Implementationsschwierigkeiten von Industrie 4.0-Technologien dazu, dass branchenübergreifende Potenziale zur Kostensenkung sowie zur Erschließung neuer Kunden und Märkte über Produktinnovationen noch zu häufig ungenutzt bleiben.

Um der Misere entgegenzuwirken, müssten erhebliche Investitionen getätigt werden. Vor allem ein schneller Ausbau der Netzinfrastruktur ist notwendig, um die technologischen Vorteile der Digitalisierung durch neue Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle umzusetzen. Wichtig ist dabei, dass hierfür Anreize geschaffen werden, die notwendigen Investitionen auch in Deutschland zu tätigen und nicht nur im Ausland.

Deutschland hat sich in den letzten Jahren viel zu sehr auf den Reformen der Vorjahre ausgeruht. So hat der nachlassende Eifer nun dazu geführt, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit in den letzten Jahren im Vergleich zu anderen Ländern merklich geschwächt hat. Jetzt gilt es, diesen Trend wieder zu drehen. Dies müsste – aufgrund der demographischen Entwicklung – hauptsächlich über eine deutlich stärkere Investitionstätigkeit der Unternehmen und des Staates geschehen. Falls wir dies versäumen, wird sich die wirtschaftliche Dynamik in Deutschland nachhaltig verlangsamen und den Arbeitsmarkt belasten.

Autor: Marion Jörg
Bildquelle: © erhui1979 / istockphoto.de

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